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Soll ich Auszubildende trösten? - Empathie in der praktischen Pflegeausbildung

„Was halten Sie denn davon, eine Schülerin zu trösten, wenn sie weint? Weil zum Beispiel eine Patientin, die sie gepflegt hat, gestorben ist?“ fragt eine Teilnehmerin. „Das hängt davon ab, mit welcher Intention Sie trösten. Ist es Ihnen unangenehm, vielleicht sogar peinlich, dass die Schülerin weint? Wollen Sie sie schnell beruhigen, um die eigene Peinlichkeit zu regulieren? Oder geht es um eine Intervention, die die Auszubildende in ihrer Entwicklung fördert? Ohne das zu klären, kann das Trösten zum Übergriff werden.“ antworte ich.

Eine lächelnde Frau in rosa Kasack und mit Stethoskop um den Hals legt einer anderen Frau, die von hinten zu sehen ist, die Hand auf die Schulter.
Trösten - Übergriff oder hilfreiche Intervention?

Praxisanleiter*innen bringen Auszubildenden nicht nur praktische Fertigkeiten bei, sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur beruflichen Sozialisation des Nachwuchses. Sie reproduzieren dabei berufliche Rollen- und Selbstbilder, Erwartungen an beruflich Pflegende und an Patient*innen sowie Sichtweisen auf die gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen der beruflichen Pflege.


Praxisanleiter*innen beeinflussen die berufliche Sozialisation

Von den drei Dimensionen einer interaktionistischen Pflegedidaktik (s. Grafik), die Ingrid Darmann-Finck unterscheidet, wird oft nur die erste explizit in der Praxisanleitung umgesetzt. Wie wichtig die Erweiterung des Spektrums ist, erleben wir, wenn wir empCARE als berufspädagogische Fortbildung für Praxisanleiter*innen durchführen. Auszubildende wenden sich mit allen Aspekten erlebter Pflegesituationen an ihre Praxisanleiter*in, mit Stolz über Erfolge ebenso wie mit Überforderung, Sorgen und Ängsten – und, wie wir am Anfang erfahren haben, manchmal unter Tränen.


Die drei Dimensionen der interaktionistischen Pflegedidaktik / Wissenschaftsbasierte Erklärung und instrumentelle Problemlösung / Verstehen und Verständigung / Kritische Reflexion gesellschaftlicher Widersprüche
Die drei Dimensionen der interaktionistischen Pflegedidaktik nach Darmann-Finck

Praxisanleiter*innen sind also nicht nur in Hinsicht auf die wissenschaftlich fundierte Durchführung des pflegerischen Handwerks gefordert, sondern auch im Hinblick auf die Dimensionen Verstehen und Verständigung in Pflegesituationen sowie Kritische Reflexion der gesellschaftlichen Strukturen von Pflege. Und das gleich doppelt, weil sie als Rollenvorbilder für den Umgang mit Patient*innen fungieren, und gleichzeitig Verstehen und Verständigung auch in der Beziehung zu den Auszubildenden herstellen, wobei die gesellschaftlichen Strukturen, in denen die Pflege ausgeführt und ausgebildet wird, dies beeinflussen.


empCARE kann anhand solcher Fragestellungen die ganze Tiefe seines empathiebasierten Konzepts zur Entfaltung bringen. Denn Empathie ist etwas anderes als gefühliges Mitschwingen in Stimmungen oder gar die Erfüllung vermeintlicher, aber doch nur vermuteter Wünsche einer anderen Person. Kern des empCARE-Konzepts ist die reflektierte Empathie. Das bedeutet für Praxisanleiter*innen gemeinsam mit den Auszubildenden erst einmal herauszufinden, was die Situation ist, welche Gefühle sie auslöst und welche Bedürfnisse aktiv sind – und zwar auf beiden Seiten. Erst dann können sinnvolle, tragfähige Lösungen entwickelt werden.


Haltungen, Werte, Erfahrungen beeinflussen Gefühle


In den bisherigen berufspädagogischen empCARE-Seminaren spielte in diesem Zusammenhang die Reflexion bestehender Mindsets eine große Rolle. Haltungen, Werte, Erfahrungen fließen in die Bewertung einer Situation ein. Sie beeinflussen moralische Urteile und lösen positive oder negative Gefühle aus. Damit rücken auch Rollen- und Selbstbilder (wie haben sich Patient*innen, Pflegende, Auszubildende zu verhalten?) sowie gesellschaftliche und institutionelle Rahmungen und nicht zuletzt Teamkulturen in den Fokus.


Und so haben wir am Eingangsbeispiel der weinenden Auszubildenden reflektiert, mit welchem Mindset Praxisanleiter*innen an eine solche Situation herangehen. Dürfen beruflich Pflegende weinen, wenn eine Person stirbt, die sie gepflegt haben? Verstößt das gegen die Regeln professioneller Distanz? Sollten Auszubildende professionelle Distanz möglichst früh erlernen oder vielleicht eher professionelle Nähe? Welche Gefühle werden durch die Tränen der Auszubildenden sichtbar, Trauer, Überforderung, Angst? Und welche Gefühle werden bei der Praxisanleiterin wachgerufen, wenn eine Auszubildende weint? Ist sie ihrerseits überfordert, peinlich berührt? Welchen Ort gibt es für diese Reflexionsarbeit? Steht dafür Zeit zur Verfügung? Warum halten viele Pflegende es für selbstverständlich, dass beides nicht vorhanden ist?

Wie würden Sie selbst diese Fragen beantworten und mit welchem Handlungsrepertoire gehen Sie an Anleitungssituationen heran, die Sie als schwierig erleben?



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