top of page

Empathie und Fachlichkeit

  • Autorenbild: [LT]
    [LT]
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Foto mit Ludwig Thiry, daneben der Text, Herr Thiry, was ist denn eigentlich Empathie?

„Empathie als fachlich notwendige Grundhaltung muss dann auch als etwas Lern- und Lehrbares betrachtet werden.“
Hilde Steppe im Oktober 1992.

Hilde Steppe formulierte mit diesem Satz eine spezielle Anforderung an die Professionalisierung der beruflichen Pflege. Sie wollte, dass die entgrenzte Fürsorge die Krankenschwestern* zulasten ihrer eigenen körperlichen und mentalen Gesundheit leisten, durch professionalisierte Beziehungsarbeit abgelöst wird. Sie stellte die Qualität der pflegerischen Arbeit in einen Zusammenhang mit der Gesundheit derjenigen, die diese Arbeit leisten. Diese sollten sich aus tradierten Rollenbildern befreien. Hilde Steppe: „Dieser Anspruch der professionellen Pflege […] mit Menschen in existenziellen Krisensituationen angemessen und einfühlend umzugehen, bricht vielleicht am radikalsten mit den tradierten Vorstellungen der guten, gehorsamen und selbstlosen Schwester.“


Cover des Buches zum Gedenken an Hilde Steppe
Cover des Buches zum Gedenken an Hilde Steppe

Die Professionalisierung der Beziehungsarbeit hat demnach zwei Seiten die konstitutiv zusammengehören.


  • Die Ausrichtung pflegerischer Interventionen an die individuellen Bedürfnisse der Person, die gepflegt wird.

    Die Individualisierung der Pflege in eigener pflegefachlicher Verantwortung ist auch der Ausbruch aus den Abhängigkeits- und Untergebenheitsbeziehungen zu Ärzten. Viel zu lange haben Krankenschwestern ihre eigene Gehorsamsnorm gegenüber Ärzten auf die Beziehungen zu Patientinnen und Patienten übertragen, haben sie ihrerseits Gehorsam von Patientinnen und Patienten eingefordert.

    Steppe forderte hingegen, „den pflegebedürftigen Menschen als unverwechselbares Individuum zu akzeptieren, das vielleicht ganz andere Vorstellungen von seiner Pflege hat – und das ist gut so.“ Statt expertokratischer Fürsorge geht es ihr um die Aushandlung der Pflege unter Einbeziehung der Expertise des pflegebedürftigen Menschen für die eigene Lebenssituation.


  • Selfcare als integraler Bestandteil von Beziehungsarbeit

    Die von Steppe kritisch betrachtete Selbstlosigkeit der beruflich Pflegenden führt zur Selbstschädigung.

    Die berufliche Sozialisation vermittelt bis heute, dass beruflich Pflegende ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zurückstellen müssen. Das gilt in der direkten Interaktion mit pflegebedürftigen Personen und noch mehr im organisatorischen Kontext. Pflegende werden moralisch unter Druck gesetzt, strukturelle und organisatorische Mängel durch persönlichen Einsatz zu kompensieren. Sie werden moralisch erpresst, doch noch einmal einzuspringen, die Schicht zu verlängern usw. Das Eintreten für bessere Arbeitsbedingungen etwa durch Streiks wird hingegen von der Politik und leider auch von unsolidarischen leitenden Ärzten mit dem Argument delegitimiert, ein Streik gefährde Menschenleben.

    Hilde Steppe kritisiert die "Beziehungsfalle, in die beruflich Pflegende geraten, wenn sie eine "distanzlose und damit oft unprofessionelle Zuwendung gewähren" wollen. Die Forschung zu Stress und Burnout eröffne den beruflich Pflegenden die Möglichkeit, die eigene Hilflosigkeit als Helfer*innen zu akzeptieren und sich eigene Bedürfnisse zuzugestehen.


Das empathische Eruieren von individuellen Bedürfnisse der pflegebedürftigen Menschen und das Wahrnehmen und Benennen von eigenen Bedürfnisse der Pflegefachpersonen waren für Hilde Steppe zwei Seiten derselben Medaille.


In genau diesem Sinne verstehen wir empCARE als Beitrag zur Professionalisierung der Pflegeberufe. In den empCARE Seminaren erlernen und erproben die Teilnehmer*innen die ganze Tiefe empathischer Interaktionsarbeit. Sie erproben, wie sie pflegebedürftige Menschen dabei unterstützen können, ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken. Sie bringen sie in Kontakt zu sich selbst. Wo sie vorher vielleicht in einem Nebel aus ungeklärten Gefühlen sich selbst oder ihrer Umgebung schadeten, können sie herausfinden, was ihnen wirklich guttut.


Gleichzeitig bringen wir Pflegefachpersonen in einen intensiven Kontakt zu sich selbst, zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Wir zeigen Wege, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse gegenüber den Menschen, die sie pflegen, aber auch gegenüber Kolleg*innen und Vorgesetzten auf konstruktive Weise zu artikulieren.


Die wissenschaftliche Evaluation von empCARE belegt, was Hilde Steppe schon 1992 beschrieben hat:


Empathie ist eine fachlich notwendige Grundhaltung in der beruflichen Pflege und sie ist lern- und lehrbar.


*In diesem Artikel werden die Bezeichnungen Krankenschwestern und Ärzte benutzt. Wir folgen damit den Überlegungen von Hilde Steppe, die die Machtbeziehungen zwischen der Medizin, als Beruf der dominierenden Männer, und der Pflege, als Beruf der untergebenen Frauen, ausführlich beschrieben und kritisiert hat.

 

Literatur zum Thema

Steppe H (2003): Die Vielfalt sehen, statt das Chaos zu befürchten. Ausgewählte Werke. Herausgegeben Ulmer E-M, Krampe E-M, Haas W, Wackerhagen H. Verlag Hans Huber Bern Göttingen Toronto Seattle.


Böhle F, Weihrich M: Das Konzept der Interaktionsarbeit. https://link.springer.com/article/10.1007/s41449-020-00190-2


Sell S (2025): Hilde Steppe als Wegbereiterin der Pflegeprofessionalisierung – Eine Analyse ihres wissenschaftlichen und beruflichen Wirkens


 

 

 
 
 

Kommentare


Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.
bottom of page