Heute schon richtig gut gefühlt?
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Wie die Regeln zur Regulierung von Gefühlen neu verhandelt werden

Menschliche Gemeinschaften haben Regeln für das Zeigen von Gefühlen
Eine Pflegefachfrau kommt im Seminar zu der Erkenntnis: „Eigentlich das ist so, in mir tobt der Wirbelsturm, aber nach außen zeige ich ein Lächeln.“ Sie beschreibt einen Widerspruch zwischen den Gefühlen, die sie innerlich fühlt, und den Gefühlen, die sie nach außen darstellt. Sie kommt damit den Gefühlsregeln nach, die an ihrem Arbeitsplatz gelten und wahrscheinlich für die berufliche Pflege insgesamt. Um diese Gefühlsregeln soll es hier gehen und darum, wie sie derzeit neu verhandelt werden.
Gesellschaften und Unternehmen beeinflussen durch Gefühlsregeln, wie ihre Mitglieder Gefühle ausdrücken sollen und dürfen. Diese Regeln sind oft nicht formal festgelegt. Sie scheinen gelegentlich in Leitbildern implizit durch, wenn zum Beispiel ein freundlicher Umgang mit Kund*innen verlangt wird. In der Arbeitswelt werden sie hauptsächlich durch die berufliche Sozialisation vermittelt, manchmal sind sie Teil betrieblicher Fortbildung, insbesondere im Dienstleistungsbereich.
Beschäftigte erfüllen Gefühlsregeln durch zwei Methoden, das Surface Acting und das Deep Acting.
Surface Acting
Beim Surface Acting stellen die Dienstleister*innen erwünschte Gefühle dar, auch wenn die Person sie gar nicht fühlt. Ein Lächeln auf den Lippen wird zum Zeichen für Freude, Zugewandtheit und Geduld. Die dargestellten Gefühle können den gefühlten dabei sogar vollkommen widersprechen. Der Satz: „In mir tobt ein Wirbelsturm aber nach außen zeige ich ein Lächeln.“ beschreibt genau diesen Widerspruch. Er wird in der Arbeitssoziologie emotionale Dissonanz genannt. Er ist mit Nicht-Authentizität verbunden und gilt als ein Treiber von Selbstentfremdung und Burnout.
Deep Acting
Beim Deep Acting werden nicht einfach nur andere Gefühle dargestellt als die empfundenen. Deep Acting zielt darauf ab, die gefühlten Gefühle selbst zu verändern. Dies geschieht durch kognitive Umformungen, wie zum Beispiel durch eine Neubewertung der Situation. In der Literatur wird häufig das Beispiel von Flugbegleitpersonal angeführt, das die eigenen Gefühle gegenüber einem verärgerten Passagier dadurch verändert, dass es dessen Perspektive einnimmt, die Situation als Lernmöglichkeit bewertet oder seine Aufmerksamkeit innerlich auf etwas Positives ausrichtet.
Studien liefern unterschiedliche Ergebnisse über die Auswirkungen von Surface Acting und Deep Acting. Ob sie mittel- und langfristig eher nutzen oder schaden, scheint von zusätzlichen Faktoren abzuhängen, wie Druck von außen, Sinnfindung und Identifikation mit der Arbeit.
Positiv fühlen als neu Gefühlsregel?
Einen Schritt weiter gehen manche Vertreterinnen der positiven Psychologie. Sie erweitern Gefühlsregeln und Gefühlsregulierung über berufliche Kontexte hinaus. Negative Gefühle sollen möglichst gar nicht erst gefühlt werden. Die neue Gefühlsregel lautet somit, fühle nur noch Gefühle, die du positiv bewertest.
Grundsätzlich kann das gelingen, weil mit unsere Gedanken auch unsere Gefühle beeinflussen können. Das setzt allerdings eine regelmäßige Übung voraus.

Beim Deep Acting ergibt sich folgendes Problem. Bevor wir Gefühle bewusst wahrnehmen, sind sie in unterbewussten Körperreaktionen bereits aktiv. Sie sind also da, bevor wir sie kognitiv beeinflussen könnten. Aber warum haben wir überhaupt negative Gefühle, wenn wir doch an ihnen leiden und sie unserem Glück im Weg stehen? Nehmen wir als Beispiel das Gefühl Wut. (Mehr über die Wut: https://www.empcare.de/post/wut-ein-ganz-besonderes-gef%C3%BChl) Wut ist eine sehr starke Emotion. Sie ist sogar in der Lage, die gefühlsregulierenden kognitiven Regionen in unserem Gehirn zu hemmen. Die Psychologin Heidi Kastner erklärt das Entstehen von Wut mit einer selbst erfahrenen oder beobachteten Normverletzung, wie einer Ungerechtigkeit. Negativ bewertete Gefühle haben also die wichtige Funktion, uns unsere nicht befriedigten Bedürfnisse anzuzeigen. Das Gefühl Wut zeigt das unbefriedigte Bedürfnis nach Gerechtigkeit an.
Ob sich das Positive Fühlen als neue gesellschaftliche Gefühlsregel durchsetzt, ist noch nicht ausgemacht. Denn parallel ist zu beobachten, dass die bisher geltenden Regeln für die Präsentation von Gefühlen wie Hass und Wut gesellschaftlich erweitert und Tabus gebrochen werden. Außerdem ist nicht noch erkennbar, wie zukünftig die Funktion der negativ bewerteten Gefühle ausgefüllt werden kann. Wie bemerken wir, dass Bedürfnisse unbefriedigt sind? Was zeigt uns in Zukunft an, dass etwas nicht in Ordnung ist? Was motiviert uns, Veränderungen nicht nur an uns selbst, sondern auch an gesellschaftlichen Verhältnissen herbeizuführen?
Literatur zum Thema
Alabak M, Hülsheger U, Schepersc J, Kalokerinosd EK, Verduyn P: Going beyond deep and surface acting: a bottom-up taxonomy of strategies used in response to emotional display rules https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1359432X.2023.2221853
Böhle F, Weihrich M: Das Konzept der Interaktionsarbeit. https://link.springer.com/article/10.1007/s41449-020-00190-2
Göppel R: Kultivierung positiver Emotionen als Bildungsauftrag. In: Huber M, Krause S (Hrg.): Bildung und Emotion. Springer VS
Kastner H: Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl. Kremayr & Scheriau
Mehr Wut wagen. Sternstunde Philosophie: https://www.youtube.com/watch?v=1G30IgrS-D4
Schorb, F: Healthismus. https://psychosozial-verlag.de/programm/2000/2550/3353-detail
Weber W: Added Value statt menschlichen Werten? Zur Genese von sozialer Entfremdung in Arbeit und sozialer Interaktion. https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/1704


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