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Lernen, aber mit Gefühl

Gefühle steuern in entscheidendem Maße unser Verhalten. Sie fördern oder blockieren auch Lernprozesse. Dabei gilt aber nicht die einfache Gleichung, dass positiv erlebte Gefühle lernförderlich und negativ erlebte Gefühle lernhinderlich sind.




Reinhard Pekrun differenziert in seinem Beitrag zu dem Buch Bildung und Emotion:

„Positive Emotionen fördern ein holistisches, flexibles und kreatives Problemlösen, während negative Emotionen detailorientiertes, rigides und analytisches Denken unterstützen. Für die Generierung neuer Ideen ist es hilfreich, in guter Stimmung zu sein; für eine Überprüfung dieser Ideen auf Richtigkeit kann negative, kritische Stimmung günstiger sein."


Gefühle und reflexives Lernen


Was bedeuten diese Feststellungen für ein Seminarkonzept wie empCARE, bei dem Gefühle und Empathie als Inhalt ebenso eine Rolle spielen wie als Wirkfaktoren? In dem empathiebasierten Entlastungskonzept empCARE reflektieren die Teilnehmenden mehrfach Situationen aus ihrem Alltag, die durch starke Emotionen geprägt waren. Und meist sind es keine positiv bewerteten. In solchen Situationen sind beruflich Pflegende in der Regel Meister*innen in der Beherrschung der eigenen Gefühle. „In mir tobt der Wirbelsturm, aber nach außen bin ich ganz ruhig“, beschreibt eine Teilnehmerin diesen Zustand. Im empCARE-Seminar können beruflich Pflegende mit vielfach schon über längere Zeit verdrängten und unterdrückten Gefühlen in Kontakt kommen, sie reflektieren und für die Zukunft einen konstruktiven Umgang damit finden.


Bei der Konzeptionierung von empCARE und in jedem neuen Seminar ergibt sich das Paradox, Teilnehmende mit fremden und eigenen negativ bewerteten Gefühlen zu konfrontieren, sie vielleicht sogar zu reaktiveren, und gleichzeitig eine positive Stimmung zu erzeugen, die reflexives Lernen fördert und nicht hemmt.


Vertrauen, Akzeptanz und Verwirrung


Drei Faktoren prägen deshalb den didaktischen Ansatz von empCARE – der gezielte und systematische Aufbau von Vertrauen, die bedingungsfreie Akzeptanz der Teilnehmenden durch die Seminarleitungen und herausfordernde Verwirrung, die zur Erweiterung von Denk- und Handlungsoptionen einlädt.


Für den Aufbau von Vertrauen spielt der Seminarauftakt eine entscheidende Rolle. Wie bei einem Speed Dating sprechen jeweils zwei Teilnehmende über ein von der Seminarleitung vorgegebenes Thema. Jede Runde dauert nur wenige Minuten und die Dyaden bilden sich in jeder Runde neu. Die Teilnehmenden machen außerdem mehrere Einzelreflexionen und Übungen zu zweit, bei denen die Inhalte zwischen den beiden Personen vertraulich bleiben. So entsteht ein geschützter Rahmen, in dem die Teilnehmenden sich ihren Gefühlen stellen und sich gegenseitig Empathie schenken können.


Die bedingungsfreie Akzeptanz der Teilnehmenden zeigen die Seminarleitungen implizit und explizit. Sie unterlassen Bewertungen von Erzählungen, Meinungsäußerungen und schon gar von Gefühlsäußerungen der Teilnehmenden.

Explizit ausgesprochene Akzeptanz setzen die Seminarleitungen zum Beispiel dann ein, wenn Teilnehmende sich selbst und ihr Agieren im Seminar infrage stellen. In einem Seminar mit mehreren Personen, die bezweifelten, ob sie „es denn richtig machen“, setzte die Seminarleitung diese Intervention ein: „In diesem Seminar geht es nicht um richtig oder falsch. Sie probieren etwas aus und wir schauen uns gemeinsam an, wohin das führt.“ So bleibt der Denk- und Handlungsraum offen und die Teilnehmenden werden ermutigt, neues Verhalten zu entwickeln.


Die Erweiterung von Denk- und Handlungsoptionen stellt immer auch bisherige Haltungen und Überzeugungen infrage. Über die damit einhergehende Verwirrung schreibt Reinhard Prekun: „Der evolutionäre begründete Zweck von Verwirrung ist es, uns zu motivieren, die jeweilige kognitive Inkongruenz aufzulösen, um die Welt besser verstehen und handeln zu können.“ In dem empCARE-Seminaren ist das Ziel die kognitive Inkongruenz aufzuheben. Eine Teilnehmerin, der das in Bezug auf eine lang zurückliegende, belastende Erfahrung gelang fasste es so zusammen: „Jetzt kann ich endlich mit dieser Geschichte abschließen.“


Trotz der Konfrontation mit negativ bewerteten Gefühlen, sagten viele Teilnehmende im qualitativen Teil der wissenschaftlichen Evaluation, sie hätten viel Spaß in ihrem empCARE-Seminar gehabt. Und tatsächlich wird in unseren Seminaren viel gelacht, hilft die humorvolle Betrachtung schwieriger Situationen dabei, jene Offenheit zu erzeugen, durch die Lernen als Erweiterung der Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns gefördert wird.


Literatur:

Pekrun R (2018) Emotion, Lernen und Leistung. In: Huber M, Krause S (Hrsg.) Bildung und Emotion. Springer VS, Wiesbaden


Thiry L (2021) Vierdimensionale Didaktik - Eine Einladung zum Lernen. In: Thiry L / Schönefeld V / Deckers M / Kocks A (Hrsg.) empCARE : Arbeitsbuch zur empathiebasierten Entlastung in Pflege- und Gesundheitsberufen | SpringerLink

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