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Herr Thiry, sind Sie etwa auch mit Rassisten empathisch?

Das ist eine Frage, die vergiftet sein kann. Oder sie wird gestellt, weil es ein ehrliches Interesse am Umgang mit Rassismus am Arbeitsplatz oder im Seminar gibt.


Die kurze Antwort lautet: Ja, deshalb bekämpfe ich Rassismus.

Die längere Antwort behandle ich in diesem Blogbeitrag.


Links Text: Herr Thiry, können Sie Menschen empathischer machen? Rechts: Lächelnde männliche Person mit Brille, weißen Haaren und weißem Bart.

Rassismus kommt in der Pflege oft als sozial akzeptiertes Ressentiment daher. Das geht zum Beispiel so:


Zwei Kolleginnen erzählen von einem Patienten, dessen Verhalten sie gestört hat und das sie im Seminar abwerten. Sie sagen am Schluss: „Der kam halt aus einem Mittelmeerland. Da kann man eh nix machen.“ Ich beginne ein spontanes Rollenspiel, bei dem eine von beiden die Rolle des Patienten übernimmt und ich die Rolle des Pflegers. Ich äußere in der Rolle des Pflegers mein Befremden über das Verhalten des Patienten, ohne es jedoch moralisch zu bewerten, eher im Sinne eines Nachfragens. Die Kollegin antwortet als Patient und es kommt zu einem wertschätzenden Dialog. Im Spiel stellt sich heraus, dass die beiden Kolleginnen wichtige Facetten der Geschichte nicht erzählt haben, die das vermeintlich unangebrachte Verhalten des Patienten gut erklären. Sie bemerken, dass sie ihm voreingenommen begegnet sind.


Diese Reflexion konnten die beiden Kolleginnen in dieser konkreten Seminarsituation leisten, weil ich die ressentimentgeladene Bemerkung vom Anfang gar nicht kommentiert oder bewertet habe. Statt Bewertungen auszusprechen, beobachte ich als Seminarleiter aufmerksam die verbalen Äußerungen und das Verhalten der Teilnehmenden und versuche, mit ihnen über ihre damit einhergehenden Gefühle ins Gespräch zu kommen.


Gefühle einer anderen Person wahrzunehmen und wertfrei zu benennen, ist nicht identisch damit, ihr Verhalten oder ihre Haltungen zu billigen. Ich weise an dieser Stelle gern auf die Arbeit von Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann hin, die den Nahostkonflikt in Schulklassen mit viel Empathie für alle Seiten bearbeiten oder auf die Arbeit der Bildungsstätte Anne Frank, wie sie die Direktorin Deborah Schnabel in einem Interview mit dem Deutschlandfunk beschrieben hat (Links am Ende des Textes).


Empathische Interaktion bedeutet, die Gefühle der anderen Person zu spiegeln. Eine rassistische Person wird in der Regel nicht gerne in diesen Spiegel schauen, denn dort sieht sie Hass, Wut, Neid oder überheblichen Stolz, nicht aber Zufriedenheit, Glück oder Liebe.


Wenn die rassistische Person in den Spiegel schaut, kann innere Bewegung stattfinden. Dann besteht auch die Chance, dass sie Empathie für andere entwickelt.

Wenn die rassistische Person nicht in den Spiegel schaut, sich nicht den eigenen Gefühlen stellen will, geschweige denn die Gefühle anderer respektiert, dann gibt es keine Chance ins Gespräch zu kommen. Dann sorge ich dafür, dass andere Teilnehmende und ich selbst nicht beeinträchtigt werden.


So zu arbeiten, erfordert eigene innere Klarheit und den Mut in Kontakt zu bleiben, wenn es ungemütlich wird.


Übrigens betrifft Rassismus besonders häufig Kolleg*innen aus dem Ausland. Ihre Erzählungen von Ausgrenzung und Abwertung durch die eigenen Kolleg*innen gehören zum Traurigsten, was ich in Seminaren höre. 

 


Trialoge von Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann: https://www.israelpalästinavideos.org/trialoge/


TransCareKult ist ein Projekt des Hessischen Instituts für Pflegeforschung zur Verbesserung der Integration internationaler Pflegefachpersonen: https://www.hessip.de/projekte/aktuelle-projekte/transcarekult/

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